Prinzessinnentage

 

Im heißen Sommer 1962 wurde ich in Ostberlin geboren. Meine Kindheit verbrachte ich mit vielen anderen Kleinwüchsigen – umhegt von großer Schwester, Bruder und Mutter – auf einem Innenhof mitten in Prenzlauer Berg (blonder Zopf, vorn im Bild = ich). Der Vater fuhr tagtäglich mit dem abgebildeten Trabant zum Volkseigenen Betrieb.

Wie alle kleinen Mädchen wollte auch ich Prinzessin werden. Als ich klein war, dachte ich, dafür genüge das Unterkleid meiner Großmutter. Später begriff ich, dass der Adel in der DDR zum Klassenfeind erklärt worden war, womit die sozialistische Gesellschaftsordnung  meine Prinzessinnen-Karriere massiv behinderte. Also ging ich artig zur Schule, war Brigadeführerin und Wandzeitungsredakteurin und organisierte Kulturabende der „Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft“. 1981 durfte ich das Abitur ablegen. Die Berufswahl nahmen mir die staatlichen Organe dankenswerterweise  ab, und so hieß mein persönlicher 5-Jahres-Plan nach der Schule: Volontariat beim „Fernsehen der DDR“ mit anschließender Delegierung zum Studium des wissenschaftlichen Bibliothekswesens. 1985 war es dann soweit: Die „Staatsbibliothek zu Berlin“, das altehrwürdige Gebäude Unter den Linden, öffnete ihre Pforten für mich – und schloss sie erst wieder zu, als ich im Sommer 1989 einen Klassenfeind aus Westberlin heiratete und noch vor dem Mauerfall „rübermachte“.

 

Lehr- und Wanderjahre

 

Im Westen ging meine Ärmelschoner-Karriere noch eine Weile weiter. Bis mir 1994 die Eichborn-Kollegin meiner Verlagsvertreter-Schwiegereltern die alles entscheidende Frage stellte, ob ich als Untervertreterin die vielen schönen und weniger schönen Nonbooks des „Kleinen Arschlochs“ in den Berliner Buchhandel tragen wolle. Vor die Wahl zwischen Öffentlichem Dienst und einer politisch unkorrekten Comicfigur gestellt, entschied ich mich für den derben Humor. Zumal ich in einigen ausgewählten Buchhandlungen auch das Programm der feinen „Friedenauer Presse“ sowie „Die Andere Bibliothek“, „Delius & Klasing“ und „Loewe“ vorstellen durfte. Eine wunderbare Mischung!  Eine große Zukunft als Verlagsvertreterin stand mir bevor – dachte ich jedenfalls, doch es kam alles anders. Mein geehelichter Lieblings-Klassenfeind Oliver bekam ein Volontariat und später eine Anstellung als Lektor im S. Fischer Verlag in Frankfurt a. Main. Und so zog ich 1995 nach Frankfurt und nahm nach 1 1/2 Jahren als selbständige Verlagsvertreterin eine Stelle als Verkaufsleiterin im damals weltbesten Eichborn Verlag an. Dort lernte ich vom  weltbesten Chef Andreas Horn das Verkaufen und Vertreiben von Büchern & Co. und hatte fast 17 Jahre lang die weltbesten Kollegen und Kolleginnen. Alle Mythen um den Eichborn Verlag und seine kampfeslustigen und mutigen Mitarbeiter haben ihre volle Berechtigung! Aber 2008 wurde es Zeit für einen Neuanfang und den starteten mein Mann, unsere Tochter und ich in Hamburg. Das „Tor zur Welt“ rief und wir kamen!

 

Auf eigenen Füßen

 

Vielleicht braucht jeder Mensch missliche Berufserfahrungen, und da ich sie bis dato nicht hatte, wurde es wohl Zeit dafür. Ich erspare mir hier Details. Vielleicht nur die allgemeine Bemerkung, dass ein tolles Kollegenteam eine große Hilfe sein kann, wenn Chefs und Chefinnen menschlich versagen. Aber es gibt ja noch Inseln der guten Erfahrungen, und die fand ich 2009 in der „HÖRCOMPANY“, dem kleinen, aber sehr feinen Kinder- und Jugendhörbuchverlag. Die beiden Verlegerinnen retteten mich aus der seelischen Pleite und gaben mir stundenweise einen Schreibtisch in ihrem Büro. Das Jobcenter fand, dass ich mir etwas „Eigenes“ schaffen sollte, weil ich auf Grund  meines fortgeschrittenen Alters und meiner hohen Qualifikation nicht mehr so richtig vermittelbar war. Nach einem aufschlussreichen Seminarbesuch für zukünftig Selbständige machte ich mich am Silvestertag 2009 als Freiberuflerin selbständig.

 

Seit dieser Zeit nutze ich meine Erfahrungen als langjährige Vertriebsfrau und Kennerin des Geschenkbuchmarkts, um verkäufliche Buchideen in diesem Segment zu entwickeln und umzusetzen. Eine weitere Quelle ist das Zusammenleben mit Mann, pubertierender Tochter, Schildkröte und Eltern (Drei Meerschweinchen und zwei Zwergkaninchen sind bereits wieder ausgezogen) in einem Drei-Generationen-Haus. Als Vorstandsvorsitzender dieses Unternehmens gehen mir zwar manchmal die Nerven durch, niemals aber die Einfälle aus. Genauso gerne nehme ich aber auch Aufträge von Verlagen entgegen, die eine Buchidee haben und eine Autorin dafür suchen.